Im Vorstand des Verbands sitzen ausschließlich Frauen. War das Absicht?
Wir haben uns nicht hingesetzt und explizit gesagt, wir müssen alles anders machen und den Vorstand nur mit Frauen besetzen. Wir haben einfach geschaut, welche Kompetenzen wir brauchen. Es gibt vier Themenbereiche – Bauen im Bestand, Zirkuläres Bauen, Baukultur & Governance und Forschen, Lehren, Ausbilden – und die konnten wir eben wunderbar mit vier Frauen besetzen.
Die Baubranche gilt als eher konservativ. Wie bewerten Sie Diversität im Bausektor?
Da hinken wir definitiv hinterher. Auf vielen Veranstaltungen bin ich eine der wenigen Frauen. Da gibt es immer wieder mal unangenehme Situationen und unqualifiziertes Feedback. Bei negativen Rückmeldungen an mich persönlich frage ich mich immer: Hätte ein Mann dasselbe Feedback bekommen? Wenn das nicht der Fall ist, hake ich das Thema ab. Das ist wie beim Hockey. Wenn du das Spiel verlierst, weil der Schiedsrichter eine falsche Entscheidung getroffen hat, dann bringt es auch nichts, sich noch lange damit zu beschäftigen. Abhaken und weiterkämpfen.
Grundsätzlich bin ich aber positiv gestimmt. Wir sind auf einem guten Weg und es gibt immer mehr positive Beispiele. Dazu braucht es Männer, die uns machen lassen und gemeinsam mit uns auf Augenhöhe kommunizieren und agieren. Grundsätzlich sollte es doch immer um das Wohl des Unternehmens oder des Verbandes gehen und nicht um Alter oder Geschlecht. Das ist für beide Geschlechter nicht immer leicht und es braucht vor allem Selbstbewusstsein.
Sie sind mit 25 Jahren Geschäftsführerin der Greyfield Group geworden. Wie kam es dazu?
Als ich einstieg, war das Unternehmen noch in den Kinderschuhen. Ich war eine der ersten Mitarbeiter*innen, die in der Projektentwicklung fest angestellt wurden und trug somit von Anfang an viel Verantwortung. Ins kalte Wasser geschmissen zu werden formt die Persönlichkeit – und ich habe schnell schwimmen gelernt. So kam es auch dazu, dass wir seinerzeit jemanden für die Leitung der Finanzabteilung gesucht haben und ich war mutig genug zu sagen "Ich mach das und arbeite mich komplett in das Thema ein". Klingt zunächst komisch, weil ich diesen Fachbereich nicht studiert habe, aber man kann jederzeit eine neue Sportart lernen, wenn man nur genug trainiert und die richtigen Trainer an seiner Seite hat. Entscheidend ist am Ende nur die Performance auf dem Platz und nicht der Lebenslauf. Das ist auch heute noch einer der Kernwerte der Greyfield DNA. Wir geben dem Team unabhängig von Alter, Geschlecht, Lebenslauf oder Position die hundertprozentige Verantwortung für Aufgaben oder Aufgabenpakete, wenn die Performance beim Training stimmt. Wir wissen, dass wir mit dieser Art der Führung anders sind, aber wir sind überzeugt, für uns den richtigen Weg gefunden zu haben.
Mut scheint bei Ihnen eine große Rolle zu spielen.
Im Sport habe ich gelernt, mutig zu sein und für meine Rechte einzustehen. Es gibt einen Zeitungsartikel der WAZ aus dem Jahr 2002, da war ich sieben Jahre alt. Die Zeitung titelte "Ganz schön ehrgeizig dieses junge Hockeytalent, welches sich in die Herzen der Eltern schießt". Ich bin mir sicher, dass ich mich nicht immer in die Herzen geschossen habe. Ich war ein sehr verantwortungsbewusstes Kind, das sich sein Mitspracherecht aktiv eingefordert hat. Meine Trainer haben mich immer ermutigt und gesagt: Sarah, du hast jedes Recht, den Mund aufzumachen, solange du auf dem Platz deine Leistung bringst. Performance und Verantwortung hängen nun mal zusammen. Das setze ich auch in meinem Beruf um. Wenn ich Verantwortung trage und meine Leistung bringe, ist es auch meine Pflicht, meine Meinung zu vertreten. Dabei schließen vor allem wir Frauen uns nicht in die Herzen der Branche, aber auch wir dürfen unbequem sein, wenn die Performance stimmt.