Energienetz: Referentin für Netzdatenmanagement bei Thyssengas
Mit dem Smartphone zum digitalen Leitungsnetz: Pia Vorrath unterstützt den sicheren Ausbau des Wasserstoffnetzes.
Mit dem Smartphone zum digitalen Leitungsnetz: Pia Vorrath unterstützt den sicheren Ausbau des Wasserstoffnetzes.
Was unter der Erde liegt, wird bei Thyssengas zunehmend digital sichtbar: Pia Vorrath arbeitet seit April 2024 im Netzdatenmanagement und entwickelt Methoden weiter, mit denen sich Leitungen präzise erfassen und Informationen für Planung, Bau und Betrieb zusammenführen lassen. Ihr Weg führte über ein praxisnahes Vermessungsstudium an der Hochschule Bochum und erste Berufserfahrung in einem Vermessungsbüro zu dem Dortmunder Fernleitungsnetzbetreiber. Heute beschäftigt sie sich unter anderem mit Smartphone-Vermessung, Laserscanning und dreidimensionalen Modellen. Neben technischem Verständnis braucht sie dafür vor allem Neugier, Lernbereitschaft und Freude am Austausch mit unterschiedlichen Fachrichtungen. Das Ruhrgebiet bietet dafür ein vielseitiges Umfeld mit zahlreichen Hochschulen und Arbeitgebern der Energiebranche.
Pia, du arbeitest als Referentin im Netzdatenmanagement bei Thyssengas. Was genau machst du in deinem Job?
Als Fernleitungsnetzbetreiber betreibt Thyssengas ein rund 4.400 Kilometer langes Gasleitungsnetz, das unter der Erde verläuft. Damit dieses Netz sicher geplant, ausgebaut und betrieben werden kann, müssen viele Informationen zusammenkommen. Wo liegt eine Leitung genau? Aus welchem Material besteht sie? Wann wurde sie verlegt und in welchem Zustand ist sie?
Unser Bereich kümmert sich darum, diese Informationen zu erfassen, aktuell zu halten und bereitzustellen. Im Netzdatenmanagement entwickeln wir vor allem die Systeme und Prozesse dahinter weiter. Wir führen neue digitale Methoden ein, verbessern Abläufe und sorgen dafür, dass aus den vielen einzelnen Informationen ein möglichst verlässliches digitales Abbild des Netzes entsteht.
Mein Schwerpunkt liegt auf der Digitalisierung von Planung, Bau und Betrieb. Dazu gehören neue Verfahren wie die Vermessung mit dem Smartphone und die Einführung der BIM-Methode. BIM steht für Building Information Modelling. Dabei werden alle wichtigen Informationen zu einer Leitung in einem digitalen Modell gebündelt und über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg genutzt, von der Planung über den Bau bis zum späteren Betrieb – und einer möglichen Instandhaltung.
Was hast du studiert und wie hat dich dein beruflicher Weg zu Thyssengas geführt?
Ich habe an der Hochschule Bochum Vermessung studiert. Auf die Fachrichtung bin ich schon während der Schulzeit durch ein Praktikum gekommen. Mathematik lag mir und ich fand die Kombination spannend, nicht nur im Büro zu sitzen, sondern auch draußen zu arbeiten.
An der Hochschule Bochum war das Studium sehr praxisnah. Danach habe ich zunächst in einem Vermessungsbüro gearbeitet und mich dort unter anderem mit Kataster- und Ingenieurvermessung sowie Bestandsaufnahmen beschäftigt. Über einen früheren Studienkollegen bin ich schließlich auf Thyssengas aufmerksam geworden. Ohne seinen Einblick hätte ich mich vielleicht gar nicht beworben, weil ich zunächst nicht wusste, wie gut meine Kenntnisse zu diesem Aufgabenfeld passen. Heute kann ich sagen: Der Schritt war genau richtig, denn ich fühle mich mit meinen Aufgaben und dem Arbeitsumfeld wirklich sehr wohl.
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?
Den größten Teil meiner Zeit verbringe ich am Computer und in Besprechungen. Ich tausche mich viel mit anderen Fachbereichen, externen Vermessungsbüros und technischen Dienstleistern aus. Gemeinsam überlegen wir, wie Abläufe verbessert oder neue Verfahrensinnvoll eingesetzt werden können.
Da wir die Smartphone-Vermessung gerade einführen, bin ich aber auch auf Baustellen unterwegs. Dort zeige ich den Kolleginnen und Kollegen, wie das Verfahren funktioniert. Besonders interessant ist es, eine Baumaßnahme vor, während und nach dem Leitungsbau zu erfassen. So lässt sich später nachvollziehen, wie sich die Situation vor Ort verändert hat.
Auch wenn ich viel am Computer arbeite, ist mein Beruf sehr kommunikativ. Ohne den engen Austausch mit den Menschen, die planen, bauen, vermessen und das Netz betreiben, würde meine Arbeit nicht funktionieren.
Warum muss Thyssengas so genau wissen, wo eine Leitung unter der Erde verläuft und in welchem Zustand sie ist?
In erster Linie geht es um Sicherheit. Wenn in der Nähe einer Leitung gebaut werden soll, muss klar sein, wo sie liegt und wie tief sie verläuft. Nur so kann man fundierte Entscheidungen treffen und Bauvorhaben zuverlässig planen.
Auch Material, Alter und Zustand einer Leitung sind wichtig. Gibt es Auffälligkeiten oder muss kurzfristig gehandelt werden, müssen die zuständigen Kolleginnen und Kollegen schnell auf verlässliche Informationen zugreifen können. Die Daten bilden deshalb eine wichtige Grundlage für die Planung, den Bau und den sicheren Betrieb des Netzes über seinen gesamten Lebenszyklus. Zudem hilft uns eine detaillierte Informationsgrundlage bei strategischen Zukunftsentscheidungen.
Hier, in der Nähe von Münster, kommt die 3D-Vermessung beim Leitungsbau zum Einsatz. @thyssengas/Moritz Brilo
Hier, in der Nähe von Münster, kommt die 3D-Vermessung beim Leitungsbau zum Einsatz. @thyssengas/Moritz Brilo
Wie werden Leitungen vermessen und was hat sich dabei durch digitale Verfahren verändert?
Früher wurde die Lage einer Leitung häufig mithilfe fester Punkte in der Umgebung dokumentiert. Dann stand in einem Plan zum Beispiel, dass die Leitung in einer bestimmten Entfernung zu einem Gebäude oder Grenzstein verläuft. Wenn sich die Umgebung verändert oder ein Gebäude nicht mehr existiert, ist es schwierig diese Position später exakt wiederherzustellen. In der Vergangenheit kamen historische Messverfahren mit Theodolit, Nivelliergerät und Messband sowie papiergebundene Planwerke und Dokumentationen zum Einsatz.
Heute arbeiten wir mit GPS-basierten Verfahren, Laserscannern, Drohnen und Smartphones. Damit können wir deutlich mehr Informationen in kürzerer Zeit erfassen. Wichtig ist, dass die Aufnahme erfolgt, solange die Baugrube noch offen und die Leitung sichtbar ist. Anschließend wird sie wieder mit Erde bedeckt.
Bei der Smartphone-Vermessung wird das Telefon zusammen mit GPS-Technik an einem Handgerät befestigt. Dann läuft man einmal um die offene Baugrube herum und nimmt sie ähnlich wie bei einem Film aus verschiedenen Perspektiven auf. Eine Software setzt die einzelnen Bilder anschließend zu einem zentimetergenauen dreidimensionalen Modell zusammen.
Das Verfahren eignet sich vor allem für kleinere und überschaubare Baumaßnahmen. Eine solche Aufnahme kann teilweise schon innerhalb von zehn Minuten erledigt sein. Bei größeren Projekten kommen weiterhin spezialisierte Vermessungsbüros mit leistungsfähigeren Laserscannern oder anderen Verfahren zum Einsatz.
Was können dreidimensionale Modelle zeigen, das in einem klassischen Plan nicht zu erkennen ist?
Ein 3D-Modell vermittelt ein viel genaueres Bild von der realen Situation. Auch Personen, die nicht auf der Baustelle waren, können nachvollziehen, wie eine Baugrube aussieht, wie Leitungen zueinander verlaufen und welche weiteren Anlagen sich dort befinden.
An einzelne Objekte lassen sich außerdem technische Informationen knüpfen. Dadurch können wir in der Planung Leitungsverläufe besser aufeinander abstimmen. Während des Baus lässt sich prüfen, ob das Ergebnis der ursprünglichen Planung entspricht. Auch Flächen, Abstände und Volumen können aus den Daten ermittelt werden.
Für den späteren Betrieb oder eventuelle Instandhaltungsmaßnahmen bleiben diese Informationen erhalten. Wenn an derselben Stelle erneut gearbeitet werden muss, können sich die Beteiligten besser vorbereiten – Sie können sozusagen in die Baugrube „hineinschauen“, ohne dass die Bagger dafür anrollen müssen. Das 3D-Modell ergänzt den klassischen zweidimensionalen Plan somit um einen anschaulichen und langfristig nutzbaren Blick auf die Infrastruktur.
Pia Vorrath an ihrem Arbeitsplatz in der Dortmunder Konzernzentrale von Thyssengas. ©thyssengas
Pia Vorrath an ihrem Arbeitsplatz in der Dortmunder Konzernzentrale von Thyssengas. ©thyssengas
Thyssengas wirkt beim Aufbau des deutschlandweiten Wasserstoffkernnetzes mit. Zwischen Coesfeld und Rinkerode wurde dafür ein Leitungsstück unter dem Dortmund-Ems-Kanal hindurchgeführt. Was ist das Besondere an einem solchen Projekt?
Thyssengas stellt Teile seines bestehenden Leitungsnetzes für den Transport von Wasserstoff um. So schaffen wir wichtige Voraussetzungen für neue Anschlussmöglichkeiten in der Region – und damit für die Energieversorgung von morgen. Bei unserer bestehenden Leitung zwischen Coesfeld und Rinkerode haben wir eine unterbrochene Verbindung unter dem Dortmund-Ems-Kanal in Münster wiederhergestellt.
Unter einem Kanal kann die Leitung nicht in einer offenen Baugrube verlegt werden. Deshalb kam hier ein grabenloses Verfahren zum Einsatz. Bei dieser sogenannten Horizontalspülbohrung wird unter dem Kanalbett hindurch gebohrt. Anschließend zieht man das bereits vorbereitete Leitungsstück durch den Bohrkanal. Der Schiffsverkehr kann währenddessen weiterlaufen.
Da die Leitung beim Einziehen nicht sichtbar ist, reicht die Smartphone-Vermessung hier allein nicht aus. Das vorbereitete Leitungsstück wird zunächst oberirdisch digital erfasst. Dabei sind auch Details, wie die einzelnen Schweißnähte, wichtig. Nachdem die Leitung unter dem Kanal hindurchgezogen wurde, wird ihr genauer Verlauf mit einem speziellen Kreiselkompass bestimmt. Die unterschiedlichen Messdaten werden anschließend zusammengeführt und dokumentiert.
Das Projekt zeigt sehr gut, wie vielfältig moderne Vermessung ist. Je nach Bauvorhaben kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz. Entscheidend ist, dass am Ende alle Informationen ein verlässliches Gesamtbild ergeben.
Mit welchen Fachrichtungen arbeitest du zusammen und wie viel Raum gibt es für neue Ideen?
Intern arbeite ich unter anderem mit der Planung, dem Leitungsbau, der Genehmigungsabteilung, der Instandhaltung und dem Betrieb zusammen. Extern kommen Vermessungs- und Planungsbüros sowie weitere Dienstleister hinzu.
Diese verschiedenen Perspektiven sind sehr wichtig. Ein Planer braucht möglicherweise andere Informationen als jemand, der die Leitung baut oder später betreibt. In gemeinsamen Projekten schauen wir deshalb, welche Daten wann entstehen und wie sie ohne Informationsverluste weitergegeben werden können.
Bei einem Pilotprojekt zur BIM-Methode haben wir zum Beispiel untersucht, wie sich Informationen von der Planung über den Bau bis in den Betrieb besser miteinander verbinden lassen. Alle Beteiligten sollen auf eine gemeinsame digitale Informationsgrundlage zugreifen können. So lassen sich Abstimmungen verbessern, Informationsverluste vermeiden und Veränderungen leichter nachvollziehen. Solche Projekte bieten viel Raum, bestehende Abläufe zu hinterfragen und neue Lösungen auszuprobieren.
Findet, dass das Ruhrgebiet viel grüner ist als sein Ruf: Pia Vorrath in Dortmund ©thyssengas
Findet, dass das Ruhrgebiet viel grüner ist als sein Ruf: Pia Vorrath in Dortmund ©thyssengas
Welche Fachrichtungen führen in dieses Berufsfeld und was sollten Berufseinsteigende mitbringen?
In unserem Team arbeiten Menschen aus der Vermessung, Geoinformatik, Geologie, Informatik und dem Georessourcenmanagement. Je nach Schwerpunkt sind unterschiedliche Kenntnisse gefragt. Einige Kolleginnen und Kollegen kümmern sich stärker um die Informationssysteme oder programmieren, andere beschäftigen sich mit Vermessungsmethoden, Prozessen oder der Qualität der Daten.
Man muss beim Einstieg noch nicht alles über Leitungsbau oder die Gaswirtschaft wissen. Auch ich hatte in diesen Bereichen zunächst kaum Erfahrung und habe sehr viel durch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen gelernt.
Die Energiewirtschaft wandelt sich aktuell mehr denn je. Wichtiger sind hier deshalb Neugier, Lernbereitschaft und Offenheit für Veränderungen. Man sollte verstehen wollen, warum ein Prozess auf eine bestimmte Weise funktioniert und ob er sich verbessern lässt. Dazu gehört auch, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und gut mit Menschen umgehen zu können. Mein Rat ist deshalb, sich auch auf Stellen zu bewerben, deren Titel zunächst nicht perfekt zum eigenen Lebenslauf zu passen scheint. Viele Kenntnisse entwickeln sich erst im Job.
Du wohnst nicht im Ruhrgebiet, arbeitest aber regelmäßig in Dortmund. Wie erlebst du die Region als Arbeitsstandort?
Das Ruhrgebiet bietet deutlich mehr berufliche Möglichkeiten als viele ländlichere Regionen. Gerade in der Energiebranche sind hier zahlreiche Unternehmen und unterschiedliche Fachrichtungen vertreten. Das macht die Region für Berufseinsteigende interessant, weil es viele mögliche Wege und viel fachlichen Austausch gibt.
Dortmund ist außerdem zentral gelegen und aus verschiedenen Richtungen gut erreichbar. Unser Büro bietet einen weiten Blick über die Stadt. Von dort oben sieht man auch, dass das Ruhrgebiet viel grüner ist, als viele Menschen zunächst denken. Genau diese Mischung aus Industrie, technischer Entwicklung und überraschend viel Grün macht die Region für mich besonders.